Das Reiten am Handpferd – also ein vom Sattel aus geführtes zweites Pferd – ist eine der ältesten und zugleich unterschätztesten Methoden in der Pferdearbeit. Offiziell erlaubt ist das mitführen von zwei Handpferden, ich finde eins aber schon anspruchsvoll genug.
Setzt man nun auf das so geführte Pferd einen Reiter, nimmt es dem Reiter die Verantwortung für die Steuerung ab und schafft so Raum für zwei ganz unterschiedliche, aber verwandte Einsatzbereiche: die therapeutische Arbeit und die allererste Schulung von Reitanfängern.
Einsatz in der Therapie
In der geführten Therapie steht nicht das Reiten im klassischen Sinn im Vordergrund, sondern die Bewegung, die das Pferd über seinen Rücken auf den Menschen überträgt. Genau deshalb ist die Führung entscheidend: Das Pferd muss nicht durch Zügelhilfen oder Schenkeldruck gesteuert werden, sondern läuft ruhig und gleichmäßig am Handpferdeführer entlang. So kann sich der Patient ganz auf die eigene Balance, Wahrnehmung und Bewegung konzentrieren, ohne durch Steuerungsaufgaben abgelenkt oder überfordert zu werden. Gerade bei motorischen oder neurologischen Einschränkungen ist dieser Verzicht auf aktive Kontrolle oft der eigentliche therapeutische Kern der Übung.
Reitet man nun mit Handpferd, kann man den Bewegungsradius mit dem Klienten auf das Gelände ausdehnen und schafft somit neue Erfahrungen wie zum Beispiel reiten im Wald, bergauf/bergab, oder wenn es der Klient kann auch mal ein Trab.
Der Vorteil zur Longe und der Arbeit im Kreis ist natürlich dass es geradeaus geht und die Balance leichter zu halten ist.
Einsatz als Schulung für Reitanfänger
Auch bei Reitanfängern bietet das reiten auf einem Handpferd neue Perspektiven – ohne dass sich der Reiter um das steuern des Pferdes kümmern muss. Sind die Grundlagen (Balance) gesichert, kann hier ein neues Erlebnis geschaffen werden.
Ganz wichtig ist jedoch immer die Eignung und Ausbildung des Pferdes.
Voraussetzungen beim Pferd
Nicht jedes Pferd eignet sich für diese Arbeit. Wichtig sind:
- Absolute Gelassenheit – das Pferd darf auf ungewohnte Reize (fremde Umgebung, andere Menschen, Geräusche) nicht mit Flucht oder Erschrecken reagieren.
- Ausgeglichenes, ruhiges Temperament ohne Tendenz zu Eigenwilligkeit – das Pferd muss auch dann entspannt bleiben, wenn der Reiter oben unruhig sitzt, ungewollte Gewichtsverlagerungen macht oder unpassend reagiert.
- Gesundheit und Schmerzfreiheit, insbesondere im Rücken – jede Unstimmigkeit im Bewegungsapparat würde sich unmittelbar auf den Sitzenden übertragen und im schlimmsten Fall zu Ausweichbewegungen oder Unmutsäußerungen führen.
- Vertrautheit mit dem Gehen als Handpferd – das Pferd muss zuverlässig neben dem führenden Pferd hergehen, ohne zu drängeln, zu stocken oder auf Distanz zu gehen.
- Ausbildung als Reitpferd auch für das Handpferd – das Pferd das den Reiter trägt muss gut geritten und zuverlässig sein und sollte bestenfalls auch auf falsche Signale vom Reitanfänger nicht reagieren.
Voraussetzungen beim Reiter, der reitet und führt
Die führende Person trägt in dieser Konstellation die volle Verantwortung für Sicherheit und Ablauf:
- Fundierte Erfahrung in der Bodenarbeit und im Umgang mit Pferden allgemein, um Anzeichen von Unruhe oder Anspannung frühzeitig zu erkennen und angemessen zu reagieren.
- Geteilte Aufmerksamkeit: Der Führende Reiter muss gleichzeitig das Pferd und die reitende Person im Blick behalten – bei der Therapie zusätzlich auf die individuellen Bedürfnisse und Reaktionen des Klienten eingehen.
- Körperliche Präsenz und die Fähigkeit, im Ernstfall zu reagieren – etwa das Pferd zügig anhalten oder umlenken zu können, ohne selbst in eine gefährliche Position zu geraten.
- Passende Ausrüstung, insbesondere ein geeignetes Führseil und einen Kappzaum beim Pferd, geeignet sind auch die sogenannten Multi-Bridles die am Reithalfter auf dem Nasenrücken einen Ring zum einhaken haben.
- Ruhige, klare Kommunikation – sowohl mit den Pferden über die reiterlichen Hilfen sowie Stimme und Körpersprache als auch mit dem Reitschüler oder Patienten, dem Sicherheit vermittelt werden muss.
Fazit
Handpferdreiten ist mehr als eine Übergangslösung, bis jemand „richtig“ reiten kann – es ist eine eigene, wertvolle Methode mit klaren Vorteilen für ganz unterschiedliche Zielgruppen. Voraussetzung ist allerdings, dass sowohl die Pferde als auch die reitende/führende Person diese besondere Verantwortung tatsächlich tragen können und über eine Ausbildung verfügt die dies ermöglicht.
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